Einführungsvortrag 

Verehrte Damen und Herren, liebe Musikfreunde!

 

Die Tradition der „deutsch-jüdischen Musik“, die ihre Verortung im Synagogalgottesdienst hatte,  ist verglichen mit anderen Musiktraditionen ein Ausnahmefall. Sie entstand erst sehr spät und wurde in einer ersten Blütezeit schon wieder vernichtet. Das Attribut „deutsch“ ist hier nicht staatlich oder staatsrechtlich-territorial zu verstehen. Es beschreibt eher den Kulturkreis, in dem die deutsche Sprache seinerzeit gebraucht wurde.

Um diese besondere Tradition in ihrer Bedeutung verstehen zu können, muss der allgemeine historische Hintergrund mit einbezogen werden.

 

 

I. Historische Hintergründe und der späte Einzug der Orgel in die Synagoge

 

Im Tempel zu Jerusalem hatte es seinerzeit noch zwei Orchester gegeben, die die kultischen Handlungen und vor allem die Gesänge der Psalmen instrumental begleitet hatten. Nach der Zerstörung des zweiten Tempels im Jahre 70 n. Chr. gab es im jüdischen Synagogalgottesdienst keine Instrumentalmusik mehr. Es wurde nur noch der unbegleitete Gesang gepflegt. 

 

Im Judentum gab und gibt es kein einheitliches Lehramt. Es gibt zwar große ideologische Grund-Strömungen, die aber jede für sich vor Ort unterschiedlich ausgelegt und praktiziert werden. Jede Synagoge ist für sich in ihrer Prägung autark. So stellten die erste nachweisbaren Installationen einer Orgel im 17. Jahrhundert in zwei Synagogen zu Prag und zu Venedig noch eine enorme, exotische Ausnahme dar.

Um 1780 setzte ausgehend von Berlin und Königsberg eine eigenständige jüdische Aufklärungsbewegung ein, die ab 1831 mit „Haskala“, dem hebräischen Wort für „Bildung“ bezeichnet wurde. Auslöser für diese Aufklärungsbewegung war die kulturelle Krise, in der sich die jüdische Gemeinschaft in Europa befand. Durch die ökonomischen und gesellschaftlichen Entwicklungen wurde eine weitere gesellschaftliche Isolierung des Judentums befürchtet. Um dem entgegen zu wirken war es der Haskala ein wichtiges Anliegen, die jüdische Gemeinschaft hin zur christlichen Mehrheitsgesellschaft zu öffnen. 

 

In mittelgroßen bis großen Städten waren reformorientierte liberale Synagogengemeinden entstanden, deren Mitglieder sich größtenteils aus der Oberschicht zusammensetzen. Diese „Reformgemeinden“, die europaweit in Deutschland ihre größte Verbreitung hatten,  veränderten im Sinne der Haskala ihren Gottesdienst in der Orientierung an der protestantischen Liturgie. Der Synagogalgottesdienst wurde in der Dauer gekürzt, Gebete und die Predigt fanden nun in der Landessprache statt und es wurde auch der Chor- und Gemeindegesang eingeführt – und damit auch die Orgel. Dies führte zu heftigen innerjüdischen Konflikten, besonders mit der jüdischen Orthodoxie. Seit der Zerstörung des zweiten Tempels war Instrumentalmusik im Gottesdienst verboten und die Tätigkeit eines Organisten am Sabbat stellte eine ebenso verbotene Arbeit dar. Ein großer Kritikpunkt war auch, dass die Orgel als christliches Instrument angesehen wurde. Als Argument wurde dem entgegen gebracht, dass eine angemessene Begleitung  von Chor- und Gemeindegesang nur mit einer Orgel gewährleistet sei. 

 

In dieser Umbruchsphase gab es 1815 in Berlin und 1816 in Kassel die ersten orgelbegleiteten Gemeindegesänge in Synagogen. In Hamburg wurde 1818 die erste Synagogen-Orgel  installiert. Diese Anfänge waren aber immer noch einzelne Ausnahmefälle. 

Erst  1845 wurde durch die zweite deutsche Rabbinerversammlung der Gebrauch der Orgel gestattet, in dessen Folge weitere Orgeln in vereinzelten Synagogen errichtet wurde. Die theologischen Auseinandersetzungen um den Gebrauch einer Orgel konnten erst später beigelegt werden. Der eigentliche Durchbruch erfolgte 1869, als die Rabbinerversammlung in Leipzig die Anschaffung einer Orgel empfahl und 1871 als die Arbeit eines Organisten am Sabbat ausdrücklich erlaubt wurde. 

 

In den Folgejahren wurden nun flächendeckend Instrumente in den liberalen Synagogengemeinden installiert. Bis 1900 waren im deutschen Kaiserreich rund 130 Orgeln in Synagogen errichtet worden neben einer Vielzahl von Harmonien in den Gemeinden, die die erforderlichen finanziellen Mittel für eine Orgel nicht aufbringen konnten. Die Bandbreite der Orgeln reichte von kleinen Instrumenten mit wenigen Registern bis hin zu Großinstrumenten, die Kathedralorgeln ebenbürtig waren. Die renommierte Orgelbauanstalt Walcker & Cie errichtet alleine zwischen 1910 und 1914 fünf Synagogenorgeln mit über 50 Registern. Höhepunkt war davon 1910 die Orgel für die „Neue Synagoge“ an der Oranienburger Straße in Berlin. Dieses Instrument mit  91 Registern war damals die drittgrößte Orgel in Berlin und die größte Synagogenorgel weltweit. 

 

 

II. Die Entwicklung einer eigenständigen Musiktradition 

 

Die vorherigen Ausführungen  zeigen, dass die Voraussetzungen für die Entwicklung einer eigenständigen deutsch-jüdischen Musiktradition, die ihren Ursprung im Synagogalgottesdienst hat, erst im späten 19. Jahrhundert gegeben waren. Auch gab es anfangs keine jüdische Organisten. Bis ins 20. Jahrhundert hinein versahen überwiegend christliche Organisten den Dienst an der Orgel in den Synagogen. 

 

Louis Lewandowski gilt als erster ernstzunehmender Vertreter einer eigenständigen deutsch-jüdischen Musik und entstammte selber der orthodoxen Tradition. Er steht stellvertretend für den inhaltlichen Wechsel, der durch die Liturgiereform entstand. Bis dahin wurde ein „Chasan“ (Vorbeter) in einer religiösen jüdischen Schule ausgebildet. Diese Ausbildung basierte größtenteils auf mündlich überlieferte Traditionen. Jetzt wurde aber ein Kantor benötigt, der eine profunde musikalische Ausbildung von abendländischem Profil besaß. So war Lewandowski nach mehreren Jahren der Ausbildung am Sternschen Konservatorium in Klavier, Geige und allgemeiner Musiklehre der erste Jude, der an der Berliner Akademie der Künste Musik studierte. Seine Kompositionen waren bis dahin aber immer rein weltlichen Charakters. Ein Wendepunkt war 1838 ein Konzert des Königsberger Kantoren Hirsch Weintraub, der mit seinen Mitsängern neben traditionellen Gebetsgesängen auch eigene mehrstimmige Psalmvertonungen vortrug. Dieses beeindruckte Lewandoswki sehr, war doch eine Verbindung von orthodoxer und liberaler Gestaltung der Musik in der Liturgie möglich. Er begann für sich die ersten Kompositionen für Kantor, Chor und Orgel zu Papier bringen, ohne die Erwartung, dass diese aufgeführt werden würden. Erst als er 1865 zum Chordirigenten der jüdischen Gemeinde und 1866 an die gerade eingeweihte Neue Synagoge in der Oranienburger Straße berufen wurde, konnte er endlich seine geistliche Musik in Gottesdiensten aufführen, in dem Kontext,  wofür er diese Musik eigens komponiert hatte. Da die Neue Synagoge bereits bei ihrer Einweihung 1866 mit einer Orgel mit 45 Registern ausgestattet war, entwickelte Lewandowski ebenso eine neue Liturgie mit Orgelbegleitung für den Synagogalgottesdienst. Damit gilt Lewandowski als der Erneuerer der jüdischen Sakralmusik. Mit der Einführung des Chores wollte er den „ungeordneten Gemeindegesang", in dem jeder Beter sein eigenes Tempo mit eigenen Melodien sang, in eine geordnete Struktur bringen und die Gemeinde zum Mitsingen mit dem Chor animieren. Die Orgel sollte dieses Vorhaben unterstützen. Anfangs war die Orgel also nur als Begleiter vorgesehen und bekam erst nach und nach durch kleine Vorspiele zu den gesungenen Gebeten oder eigene kleine Zwischenspiele eine eigenständige Bedeutung zu. Da der Gottesdienst eine gewisse Dauer nicht überschreiten sollte, sind diese Orgelstücke ebenfalls eher kürzeren Charakters. Lewandowskis „erstes Festpräludium“, mit welchem die Abendmusik eröffnet werden wird, stellt hingegen eines der längeren Orgelwerke Lewandowskis dar. Lässt der Titel einen eher allgemeinen Festcharakter vermuten ist das Stück jedoch explizit für die liturgische Verwendung vorgesehen. Deutlicher wird der Bezug schon durch den Titel bei den „Synagogen-Melodien“. Hier haben die einzelnen Stücke eine explizite Zuordnung zu einem Feiertag und teilweise auch zu einem besonderen Gebet. 

 

Neben Louis Lewandowski fingen auch andere Kantoren an instrumentale Musik für den Synagogalgottesdienst zu verfassen. Der Umstand, dass in vielen Reformgemeinden als Ersatz für eine teure Orgel ein Harmonium oder ein Klavier verwendet wurde führte bei Moritz Deutsch dazu, dass er seine Kompositionen ausdrücklich für „Orgel oder Pianoforte“ verfasste und diese daher nur auf  zwei Notensystemen notierte. Ebenso war die Orgel, die er an seiner Breslauer Synagoge zur Verfügung hatte mit 30 Registern verhältnismäßig bescheiden in ihrer Größe. Seine 12 Präludien nach alten Synagogenmelodien sind im jüdisch-liturgischen Kontext eindeutig zugeordnet. Ist Lewandowskis Musiksprache mit der Mendelssohns vergleichbar, so zeigt die Musik von Deutsch eher eine Verbindung zum Cäcilianismus auf, deren nennbarste Vertreter Adolf Friedrich Hesse, August Gottfried Ritter und Johann Gottlieb Töpfer waren. Hier steht in Form, Struktur und Aufbau eine Rückbesinnung an die Vorbilder alter Meister im Vordergrund. 

Ähnlich wie Moritz Deutsch notierte Josef Löw seine Werke ebenfalls nur auf zwei Noten-Systemen. Löw überrascht in seiner Musik jedoch durch unerwartete Wendungen in Melodie und Harmonik. Bekannt wurde er vor allem durch seine Klavierbearbeitungen, von 680 Opuszahlen bekannt sind. 

 

Die Entwicklung dieser aufkommenden, eigenständigen Tradition, herkommend aus dem Synagogalgottesdienst wurde durch die Judenverfolgung im Dritten Reich jäh beendet. Während der Reichsprogromnacht 1939, der wir hier in St. Peter in einem Gottesdienst am Jahrestag am 9. November gedachten, wurden fast alle 197 Synagogenorgeln, die es zu diesem Zeitpunkt in Deutschland gab,  zerstört. Auch fielen viele Noten dem Verfolgungswahn der Nazis zum Opfer. Nicht nur die Juden sollten ausgelöscht werden, sondern auch das, was sie hervorgebracht hatten.

 

In Europa gibt es nach der Shoah und dem Ende des Zweiten Weltkrieges nur noch wenige Synagogengemeinden, die in ihrem Gotteshaus eine Orgel besitzen und diese teilweise auch noch im Gottesdienst benutzen. Das liegt zum einen an der Zerstörung der Instrumente, zum anderen hat sich die Prägung der jüdischen Gemeinden massiv verändert.  In Deutschland wurden jeweils 1950 die Synagogen in Frankfurt und Saarbrücken mit Orgeln ausgestattet und später auch die Synagoge an der Rykerstraße in Berlin. 2008 wurde die ehemalige Paul-Gerhard-Kirche in Bielefeld zu einer Synagoge umgewidmet, wobei die bisherige Orgel erhalten blieb.

Daneben gibt es noch vereinzelte Synagogen liberaler Prägung in europäischen Großstädten wo Synagogenorgeln vorhanden und im Gottesdienst verwendet werden. In den USA sind noch die meisten Synagogenorgeln im Gebrauch. An den vorhandenen rund 50 Orgeln in amerikanischen Reformgemeinden fanden Kantoren und Synagogenorganisten nach der erfolgreichen Flucht aus Deutschland eine Anstellung und führten dort die Tradition fort. Zu ihnen gehören Max Janowski, der in Chicago wirkte, Hermann Schlicht und Hermann Berlinski, der in New York und später in Washington besonders in seinen 12 Symphonien für Orgel einen eigenen Personalstil entwickelte. Aus seiner zweiten Symphonie aus dem Jahr 1956, die Bezug auf hohe jüdische Feiertage nimmt,  erklingen in der heutigen Abendmusik die Sätze 1, 3 und 5. Sie stehen stellvertretend für die wenigen, einzelnen Komponisten die bis zu ihrem Tod die deutsch-jüdische Tradition weitergeführt haben. Mit ihrem Tod endete aber auch diese Tradition. 

 

Neben reinen Orgelwerken entstand aber auch weitere Instrumentalmusik in deutsch-jüdischer Tradition. In der heutigen Abendmusik erklingen so Werke für Viola und Orgel. Das Stück „Elohenu“ von Friedrich Gernsheim nimmt Bezug auf das Gebet „En Kelohenu“, das einen der wichtigsten Momente im Synagogalgottesdienst darstellt. Musikalisch drückt Gernsheim das Gebet durch eine andächtige Hymne aus, ganz im Zeitgeist die die charakterlichen liturgischen Elemente mit romantischer Ästhetik vereint. Friedrich Sulzer war Sohn des legendären Wiener Oberkantors Salomon Sulzer und führte dessen musikalisches Erbe fort. Seine Sarabande op. 8 aus dem Jahre 1888 ist ursprünglich für Violoncello geschrieben. 

Albert Kellermann übernahm nach der Pensionierung Lewandowskis den Posten als Chorleiter an der Neuen Synagoge in Berlin. Kellermanns umfangreiche weltliche und geistliche Werke erfreuten sich zu seinen Lebzeiten großer Beliebtheit, wozu seine Hebräische Melodie op. 23 gehört. Geriet Kellermann und sein Oeuvre nach seinem Tod in Vergessenheit, so ist Joseph Joachim besonders durch seine Zusammenarbeit als Geiger mit Felix Mendelssohn Bartholdy, Johannes Brahms und Max Bruch im allgemeinen musikalischen Bewusstsein geblieben. Joachims „hebräische Melodien op. 9“ spiegeln seine Auseinandersetzung mit seiner jüdischen Identität wieder. 

Wie stark das Bedürfnis nach Musik mit jüdischen Inhalt war und wie diese Musik auch als allgemeines Kulturgut verstanden wurde spiegelt die Komposition „Kol Nidrei“ von Max Bruch wieder. Bruch selber war kein Jude, erhielt aber von der jüdischen Gemeinde in Liverpool den Auftrag zu diesem Werk. Es nimmt die tradierte Melodie des „Kol Nidrei“ auf, einer Melodie aschkenasischer Herkunft. Ganz bewusst ist dieses Stück an das Ende des Konzertes gesetzt worden. Das „Kol Nidrei“ („alle Gelübde“) ist ein altes jüdisches Gebet zum Versöhnungstag. 

 

Die heutige Abendmusik hat auch den Charakter einer Gedenkstunde und ist bewusst in die zeitliche Nähe zum Jahrestag der Reichsprogromnacht am 9. November gesetzt. Neben der Erinnerung und dem Mahnen, dem nicht Vergessen, soll aber gleichzeitig mit dem Erklingen der Musik auch an die Versöhnung erinnert werden.

Nächstes Konzert: 

Sonntag, 20. 01. 2019

18.30 Uhr

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